Übrig bleiben von den Handen die Fingerspitzen. Mit ihnen wird der künftige Mensch auf Tasten drücken, um mit Symbolen zu spielen und um audiovisuelle Informationen aus Apparaten abzurufen. Der fingernde handlose Mensch der Zukunft wird nicht handeln, sondern tasten. Sein Leben wird kein Drama mehr sein, das eine handlung hat, sonder es wird ein Schauspiel sein, das ein Programm hat. Der neue mensch wird nichts mehr tun und haben wollen; er wird geniessen wollen, was auf dem Programm steht. Nicht Arbeit und nicht Praxis, sondern Betrachtung und Theorie werden sien konkretes Leben charakterisieren. Nicht Arbeiter, Homo faber, sondern Spieler mit Formen, Homo ludens, ist der Mensch der undinglichen Zukunft.
Vilem Flusser, ‘Auf dem Wege zu Unding’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 188 (1989)
Wir müssen aus der Kapsel des Selbst auszubrechen und uns in die konkrete Intersubjektivität zu entwerfen versuchen. Wir müssen aus Subjekten zu Projekten werden. Die neue Stadt wäre eine Projektion von zwischenmenschlichen Projekten. (…) die neue Stadt ist geographisch nicht lokalisierbar, sondern überall dort, wo Menschen einander sich öffnen.
Vilem Flusser, ‘Die Stadt als Wellental in der Bilderflut’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 181
Das berüchtigte “Selbst” ist als ein Knoten zu sehen, in welchem sich verschiedene Felder kreuzen, etwa die vielen physikalischen Felder mit dem ökologischen, psychischen un kulturellen. Das berüchtigte “Selbst” erweist sich dabei nicht als Kern , sondern als Schale. Es hält die gestreuten Teilchen zusammen, “enthält” sie. Es ist eine Maske. Daraus folgt, dass die Stadt nicht ein Ort sein kann, an dem Individuen zusammenkommen, sondern sie ist im Gegenteil eine Kerbe von Feldern, wo Makse verteilt werden.
Vilem Flusser, ‘Die Stadt als Wellental in der Bilderflut’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 177
(1) Nicht mehr Besitz, sondern Information (nicht mehr Hardware, sondern Software) ist, was macht ermöglicht, und (2) nicht mehr Ökonomie, sondern Kommunikation ist der Unterbau des Dorfes (der Gesellschaft). beider Formeln besagen, jede auf ihre Art, dass die sesshafte Daseinsform, also das Haus, und a fortiori der Stall, das Feld, der Hügel under der Fluss nicht mehr funtionell sind. Dass wir zu nomadisieren beginnen. (…) Nomaden sind Leute die hinter etwas herfahren, etwas verfolgen. (…) Alle Ziele sind Zwischenstationen, sie liegen nembe dem Weg (griechisch metodos), und als Ganzes ist das Fahren eine ziellose Methode.
Vilem Flusser, ‘Nomadische Überlegungen’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 155
Die seit mindestens 4000 Jahren verherschende Kommunikationsstruktur war folgende: Informationen wurden im Privaten ausgearbeitet, im Öffentlichen ausgestellt und dort erworben und dann ins Private getragen, um dort verarbeitet zu werden. dan Hinaustragen der Informationen (die Veröffentlichung) und das Erwerben der Informationen in der Öffentlichkeit (das politische Engagement) waren für die vergangene Kommunikationsstruktur ebenso charakteristisch wie die private Informationsgestaltung (die schöpferische Arbeit). Die Kommunikationsrevolution besteht grundsätzlich in einer Umsteuerung des Informationsstroms. Der öffentliche Raum wird vermieden und wird dadurch fortschreitend überflüssig. Die Informationen werden im Privatraum ausgearbeitet und mittels Kabeln und ähnlichen Kanälen an Privaträume gesandt, um dort empfangen und prozessiert zu werden.
Vilem Flusser, ‘Verbündelung oder Vernetzung?’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 148
Der ins elektromagnetische Feld hineingeschriebene Text ist jedoch “dialogisch” in noch einem anderen Sinn dieses Wortes. Er ist nämlich nicht mehr an Empfänger gerichtet, die ihn in ihrmen Gedächtnis speichern, ihn kritisieren (zersetzen) oder kommentieren (weiterführen). Vielmehr ist er an Empfänger gerichtet, die ihn prozessieren (manipulieren, umstülpen, verändern). Er is an Empfänger gerichtet, die aus seiner Information eine neue Information herstellen sollen. (…) Der Schreibende ist nicht mehr darauf aus, eine in sich selbst geschlossene, fertige, “perfekte” neue Information herzustellen, sondern er ist bemüht, bereits vorhandene Informationen umzustrukturieren und mit Geräuschen zu bereichern, dass andere damit kreativ weiterspielen können.
Vilem Flusser, ‘Hinweg vom Papier’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 64 (1987)
Schriebt man auf Papier, dann ist man gezwungen, seiner Kreativität Grenzen zu setzen. (…) Man ballt seine Kreativität, um sie auf ein Minimum von Papier mit einem Minimum an Schriftzeichen aufzutragen.
Schreibt man hingegen ins elektromagnetische Feld, dann wird der kreative Text zwar auch Zeilen bilden, aber diese Zeilen werden nicht meht eindeutig verlaufen. Sie sind “weich”, plastische, manipulierbar geworden. Man kann sie zum Beispiel aufbrechen, Fenster in ihr öffnen, oder man kann sie rekursiv machen. Die in sie eiingetragenen Schlusspunkte können ebensogut als Ausgangspunkte angesehen werden. Ein derart geschriebene Text wird “dialogisch” sein, und zwar zuerst einmal im Sinn eines Zwiegesprächs, das aus dem Innern des Schreibens ins Feld hinausprojiziert wird. Der Text ist nicht mehr, wie auf dem Papier, das Resultat eines kreatives Prozesses, sondern er ist selber dieser Prozess, er ist selbst ein Prozessieren von Informationen zu neuen Informationen.
Vilem Flusser, ‘Hinweg vom Papier’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 63 (1987)
Im Unterschied zu Algorithmen und Bildern handelt es sich nicht um Informationen, die zuerst empfangen und dann analysiert werden müssen, sondern um Informationen, die analysiert werden müssen, um überhaupt empfangen werden zu können. Das lesen von Buchstaben erfordert eine grössere Anstrengung als das lesen von Ideogrammen, es ist unbequemer. Dafür macht es ein unkritisches empfangen von Informationen unmöglich.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 57
Beim Lesen und Schreiben nehmen wir Abstand von der Sprache: sie ist nicht mehr ein Medium, durch welches hindurch wir etwas ausdrücken, sondern sie wird zum einem Objekt, auf das wir Buchstaben drücken. Diese Distanz zur Sprache, dank welcher sie zu einem Gegenstand wird, charakterisiert das Schreiben.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 55
Für die Schriftkundigen ist Theorie ein kontemplatives Lesen unveränderlichen Formen. Jetzt wird sie zu Tätigkeit: sie hat Modelle für die Praxis vorzuschlagen und diese Modelle fortschreitend anhand der Praxis zu verbessern.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 49