Das Modell dabei ist die Furche: Die schreibende Hand gräbt die Furche und sät den Samen, und das lesende Auge klaubt das gereifte Getreide. Daher heisst “schreiben” (scribere, graphein) ursprunglich “ritzen, graben” und “lesen” (legere, legein) unrsprünglich “klauben”. Das bedeutet, dass das schreibende und lesende Denken gezwungen werden, linear, prozessuell vorzugehen.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 44
Das heisst, flexionierende Sprachen verschlüsseln die Informationen zu Prozessen, agglutinierende zu Gestalten, isolierende zu Szenen. Diese Unterscheidung ist nur sehr grob, weil Sprachen offene Systeme sind und ineinandergreifen.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 44.
Die in Luft übertragenen Informationen können “orale” Kultur, die in harte Gegenstande übertragenenen “materielle” Kultur genannt werden. Es handelt sich um zwei verschiedenen Gedächtnisstützen. Die Luft hat den Vorteil, dem Aufdrücken von Informationen kaum Widerstand zu leisten, dafür den Nachteil, Geräuschen offenzustehen und daher die ihr aufgedrückten Informationen schnell zu verlieren. (…) Die orale Kultur ist artikulierter als die materielle, aber sie ist flüchtig, und die materielle ist dauerhafter als die orale, aber weniger geschmeidig.
Vilem Flusser, ‘Alphanumerische Gesellschaft’, in Medienkultur, Fischer, Frankfurt/Main, 1997, p. 43